Hörtraining bei Tinnitus: Warum die Hörkurve nicht alles zeigt
- Boris Seedorf

- vor 13 Stunden
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Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum mit einem Patienten zu arbeiten, bei dem sich ein sehr interessantes Bild gezeigt hat.
Aus audiometrischer Sicht war die Situation zunächst unauffällig. Die Hörkurven beider Ohren waren nahezu identisch, mit nur minimalen Unterschieden zwischen rechter und linker Seite. Rein nach Messwerten hätte man davon ausgehen können, dass beide Ohren gleich gut beziehungsweise gleich eingeschränkt hören.
In der praktischen Arbeit hat sich jedoch etwas ganz anderes gezeigt.
Wenn Hören und Wahrnehmung nicht zusammenpassen
Im Hörtraining wurde sehr schnell deutlich, dass der Patient seine beiden Ohren völlig unterschiedlich wahrnimmt. Er beschrieb, dass seine rechte Seite „offen“ ist und er dort gut hören kann.Die linke Seite hingegen fühlte sich für ihn deutlich eingeschränkt an, teilweise so, als würde sie kaum etwas wahrnehmen.
Das Entscheidende dabei ist: Diese subjektive Wahrnehmung stand im klaren Gegensatz zur Hörkurve.
Was die Hörkurve zeigt und was nicht
Die klassische Audiometrie ist ein wichtiges Instrument und liefert wertvolle Hinweise darauf, wie gut bestimmte Töne gehört werden können.
Was sie jedoch nicht abbildet, ist die Qualität der Verarbeitung.
Also zum Beispiel:
Wie gut können Geräusche räumlich zugeordnet werden?
Wie klar lassen sich verschiedene Schallquellen voneinander unterscheiden?
Wie stabil ist das Hören in komplexeren Alltagssituationen?
Genau diese Aspekte spielen im täglichen Leben eine entscheidende Rolle, werden aber durch die Hörkurve nur begrenzt erfasst.
Was im Hörtraining sichtbar wird
Im Hörtraining, insbesondere bei Übungen zur räumlichen Orientierung, zeigt sich oft sehr schnell, wie unterschiedlich die beiden Seiten des Gehörs tatsächlich genutzt werden. In diesem Fall war es so, dass die linke Seite funktional deutlich weniger beteiligt war, obwohl sie objektiv hören konnte.
Das bedeutet:
Das Problem lag nicht primär in der Hörfähigkeit selbst, sondern in der Verarbeitung und Nutzung der vorhandenen Informationen.
Zusammenhang mit Alltagssituationen
Solche Unterschiede zeigen sich häufig genau dort, wo viele Betroffene Schwierigkeiten haben, nämlich in unübersichtlichen Hörsituationen oder in Gesprächen mit mehreren Personen.
Warum das so ist, habe ich hier ausführlich beschrieben: https://www.tinnituspraxis-seedorf.de/tinnitus-gruppen-gespraeche

Welche Rolle Hörtraining bei Tinnitus spielt
Aus meiner praktischen Erfahrung zeigt sich gerade beim Hörtraining bei Tinnitus und auch der Schwerhörigkeit, dass die Verarbeitung eine zentrale Rolle spielt und deutlich mehr beeinflusst, als es die Hörkurve vermuten lässt.
Dabei geht es nicht darum, das Gehör „lauter zu machen“, sondern darum, die vorhandenen Fähigkeiten besser zu nutzen und wieder sinnvoll zu koordinieren.
Ein zentraler Punkt ist dabei die räumliche Orientierung. Also die grundlegende Fähigkeit zu erkennen:
Was kommt von vorne? Was kommt von hinten?
Was kommt von links? Was kommt von rechts?
Genau diese „Hörachsen“ sind bei vielen Betroffenen nicht mehr stabil organisiert. Das Hören wirkt dann diffus, unklar oder anstrengend, obwohl das Ohr an sich funktioniert.
Im Hörtraining arbeiten wir deshalb gezielt daran, diese Orientierung wieder auf ein stabiles Fundament zu stellen, sodass das System wieder klar unterscheiden und einordnen kann.
Das kann zum Beispiel beinhalten:
gezielte Übungen zur räumlichen Orientierung
Aktivierung der „weniger genutzten“ Seite
Verbesserung der Differenzierung zwischen Geräuschen
In unserer Praxis arbeiten wir dabei unter anderem mit gezielten Übungen über ein spezielles Klangsystem (Naturschallwandler®) sowie mit strukturierten Trainingsansätzen wie dem Mundus-Basisverfahren®. Dabei werden bewusst aufgebaute Hörsituationen genutzt, um die Verarbeitung gezielt anzusprechen.
In dem beschriebenen Fall hat der Patient die Situation so wahrgenommen, dass die rechte Seite „offen“ ist und gut hört, während die linke Seite sich nahezu so anfühlte, als würde sie gar nicht hören – obwohl die Hörkurve objektiv keinen relevanten Unterschied zwischen beiden Seiten gezeigt hat.
Genau hier entsteht ein zusätzlicher therapeutischer Ansatzpunkt, weil deutlich wird, dass es nicht nur um das Hören selbst geht, sondern um die Art und Weise, wie das Gehör im Alltag genutzt und verarbeitet wird.
Wie sich das im Verlauf verändert hat
Im weiteren Verlauf des Trainings hat sich gezeigt, dass sich die Wahrnehmung langsam verändert hat.
Die zuvor als „inaktiv“ erlebte Seite wurde zunehmend besser einbezogen, und das Hören wirkte insgesamt stabiler und klarer.
Gerade in komplexeren Hörsituationen berichtete der Patient, dass es ihm leichter fiel, sich zu orientieren und Gesprächen zu folgen.
Ergänzung zur Lasertherapie
In meiner Arbeit setze ich das Hörtraining häufig ergänzend zur Lasertherapie ein.
Während die Lasertherapie darauf abzielt, die Hörzellen zu unterstützen, bietet das Hörtraining die Möglichkeit, auf der Ebene der Verarbeitung anzusetzen.
Beides zusammen ergibt in vielen Fällen ein stimmigeres Gesamtbild als jede Maßnahme für sich allein.
Ein wichtiger Hinweis
Was im Detail auf neurophysiologischer Ebene im Gehirn passiert, ist nicht vollständig geklärt und Gegenstand weiterer Forschung.
Was sich jedoch in der praktischen Anwendung zeigt, ist, dass sich über gezieltes Hörtraining Veränderungen in der Wahrnehmung erreichen lassen und Patienten dadurch häufig einen neuen Zugang zu ihrem Hören bekommen.
Fragen dazu?
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Hören im Alltag nicht zu dem passt, was eine Hörkurve zeigt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Gerade bei Tinnitus oder Schwierigkeiten in komplexeren Hörsituationen kann es sinnvoll sein, neben der reinen Hörfähigkeit auch die Verarbeitung mit einzubeziehen.
Wenn Sie Fragen dazu haben oder wissen möchten, ob ein Hörtraining in Ihrer Situation sinnvoll sein kann, melden Sie sich gerne.
Herzliche Grüße
Boris Seedorf




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