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Zehn Tage Tinnitus-Kongress: Unsere Erkenntnisse zur Tinnitus-Behandlung aus 30 Experteninterviews

  • Autorenbild: Boris Seedorf
    Boris Seedorf
  • vor 23 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

2500 Teilnehmer, 30 Experten und zehn Tage intensiver Austausch – was wir aus dem Tinnitus Online-Kongress über Ursachen, Therapieansätze und den Umgang mit dem Ohrgeräusch gelernt haben.


Die Online Tinnitus-Kongress Veranstalter: Katharina und Boris Seedorf
Boris und Katharina Seedorf - die Veranstalter des Tinnitus-Kongress

Nach zehn intensiven Tagen Tinnitus Online-Kongress hatten wir beide ein ähnliches Gefühl: Unser Blick auf das Thema ist noch einmal deutlich weiter geworden.

Wir haben mit rund 30 Experten gesprochen, viele unterschiedliche Perspektiven kennengelernt und Ansätze gehört, die zum Teil sehr verschieden sind. Manche ergänzen sich, manche widersprechen sich, und einige eröffnen neue Blickwinkel auf ein Phänomen, das für viele Betroffene eine große Belastung darstellt.

Gerade diese Vielfalt hat den Kongress für uns so spannend gemacht.


Warum wir diesen Kongress überhaupt organisiert haben

Ein wesentlicher Auslöser für den Kongress war ein Satz, der uns schon lange stört:

„Damit müssen Sie leben.“

Viele Menschen mit Tinnitus hören diesen Satz irgendwann. Häufig schon relativ früh. Und oft passiert danach etwas sehr Verständliches: Die Betroffenen resignieren innerlich.

Genau das wollten wir nicht einfach stehen lassen.

Mit dem Kongress wollten wir ein kostenfreies, fundiertes Informationsangebot schaffen, das eine andere Botschaft vermittelt: Bei Tinnitus gibt es viele mögliche Ansatzpunkte. Und manchmal lohnt es sich, noch einmal genauer hinzuschauen.

Ein zweites Motiv war für uns ebenfalls wichtig. Wir wollten selbst sehen, welche Perspektiven und therapeutischen Ansätze es zur Tinnitus Behandlung noch gibt, auch über das hinaus, was wir in unserer eigenen Arbeit bereits kennen.


Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den Gesprächen mit den Experten war für uns noch einmal sehr deutlich: Tinnitus ist kein einheitliches Problem.

Nach außen klingt das Wort zunächst einfach: Ein Mensch hört einen Ton, der nicht von außen kommt. Therapeutisch betrachtet kann dahinter jedoch sehr Unterschiedliches stehen.

Bei manchen Betroffenen spielen körperliche Faktoren eine Rolle, etwa die Halswirbelsäule oder der Kiefer. In anderen Fällen stehen eher innere Konflikte oder sogenannte Hörkonflikte im Vordergrund. Und nicht selten greifen mehrere Ebenen gleichzeitig ineinander.

Gerade deshalb halten wir eine gründliche Analyse für so wichtig. Wenn man nicht genauer hinschaut, besteht schnell die Gefahr, am eigentlichen Hintergrund vorbei zu arbeiten.


Interview im Tinnitus Online-Kongress: Katharina Seedorf und Peter Gerecke über EMDR bei Tinnitus.
EMDR als bewährte Möglichkeit, das Nervensystem zu entlasten: Katharina Seedorf im Gespräch mit Peter Gerecke.

Das Nervensystem spielt häufig eine wichtige Rolle

Ein Thema, das sich durch viele Gespräche gezogen hat, war das autonome Nervensystem.

Viele Tinnitusformen stehen in Zusammenhang mit einem Nervensystem, das dauerhaft unter Spannung steht. Wer innerlich ständig im Alarmmodus ist, nimmt den Tinnitus häufig stärker wahr.

Deshalb kann es für viele Betroffene sehr hilfreich sein, an ihrer Stressregulation zu arbeiten und das Nervensystem wieder zu beruhigen.

Gleichzeitig wurde im Kongress auch deutlich: Das allein reicht oft nicht. Wenn beispielsweise mechanische Faktoren wie Kiefer oder Halswirbelsäule beteiligt sind, braucht es zusätzliche therapeutische Ansätze.


Interview im Tinnitus Online-Kongress: Boris Seedorf und Dr. Lutz Wilden über Lasertherapie  bei Tinnitus.
Boris Seedorf im Gespräch mit Dr. Lutz Wilden, dem Pionier der Lasertherapie für das Innenohr

Ein Bereich, der oft unterschätzt wird: das Innenohr

Ein weiterer interessanter Punkt aus dem Kongress betrifft das Innenohr selbst.

In der klassischen HNO-Medizin spielt das Innenohr als therapeutischer Ansatzpunkt bei Tinnitus häufig eine eher untergeordnete Rolle. Viele Behandlungsstrategien konzentrieren sich stärker auf Wahrnehmung oder das Nervensystem.

Im Kongress wurde jedoch auch der Ansatz von Dr. Wilden vorgestellt, der mit Laserlicht am Innenohr arbeitet. Ziel ist es, regenerative Prozesse im Innenohr zu unterstützen und diesem Bereich wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Interessant war für uns auch die Verbindung zu sogenannten Hörkonflikten. Wenn einem Tinnitus ein solcher Konflikt zugrunde liegt, kann es sinnvoll sein, parallel auf zwei Ebenen zu arbeiten: therapeutisch an den Konflikten, etwa mit EMDR, und gleichzeitig das Innenohr organisch zu unterstützen, zum Beispiel mit zellstimulierender Lasertherapie.

Beide Ansätze können für sich wirken. In der Kombination kann jedoch ein zusätzlicher synergistischer Effekt entstehen.


Zwei unterschiedliche Wege im Umgang mit Tinnitus

Eine weitere Beobachtung aus dem Kongress war für uns, dass sich viele Ansätze im Grunde in zwei große Richtungen einteilen lassen.

Die erste Gruppe versucht, ursächlich zu arbeiten. Hier geht es darum zu verstehen, warum der Tinnitus entstanden ist und ob sich dieser Hintergrund verändern lässt. Ziel ist es, den Ton deutlich zu reduzieren oder im besten Fall aufzulösen.

Die zweite Gruppe verfolgt einen anderen Ansatz. Hier steht im Mittelpunkt, wie Menschen wieder besser mit dem Tinnitus leben können. Es geht darum, die Wahrnehmung zu verändern, das Nervensystem zu beruhigen und die Lebensqualität zu verbessern – auch wenn der Ton zunächst noch vorhanden ist.

Beide Wege haben ihre Berechtigung.


Auch unerwartete Perspektiven

Einige Gespräche im Kongress haben unseren Blick zusätzlich erweitert.

So berichtete ein Osteopath beispielsweise über einen Fall, in dem ein Tinnitus offenbar im Zusammenhang mit starker Funkstrahlung entstanden war. Solche Perspektiven werden im üblichen medizinischen Diskurs selten diskutiert, sind aber für einzelne Betroffene offenbar relevant.

Spannend fanden wir auch Ansätze aus energetischen oder schamanischen Traditionen, die mit Energiearbeit am Tinnitus arbeiten.


Was wir in der Praxis immer wieder erleben

Viele Menschen kommen nicht sofort in unsere Praxis, wenn der Tinnitus entsteht. Häufig haben sie bereits einiges hinter sich.

Untersuchungen, Arzttermine, vielleicht erste Therapieversuche. Und nicht selten haben sie irgendwann den Satz gehört: „Damit müssen Sie leben.“

Was das mit Menschen macht, sehen wir oft sehr deutlich. Ein Teil hat innerlich bereits resigniert. Gleichzeitig bleibt häufig eine leise Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einen Ansatz gibt, der bisher übersehen wurde.

Gerade deshalb halten wir es für wichtig, sich Zeit für eine gründliche Analyse zu nehmen.


Was wir konkret aus dem Kongress für unsere Praxis mitnehmen

Auch für unsere eigene Arbeit hat der Kongress einige Impulse gegeben.

Wir möchten künftig in der Anamnese noch gezielter auf bestimmte Ursachenbereiche schauen. Dazu gehört insbesondere der Bewegungsapparat; also die Frage, ob der Tinnitus möglicherweise mit der Halswirbelsäule, muskulären Spannungen oder dem Kiefer zusammenhängt.

Ein weiterer Bereich sind sogenannte Hörkonflikte. Gerade hier zeigt sich, dass manche Tinnitusformen einen ganz anderen therapeutischen Zugang brauchen als mechanisch bedingte Formen.

Diese unterschiedlichen Ursachenbereiche verlangen jeweils eigene therapeutische Ansätze. Genau deshalb ist eine sorgfältige Analyse aus unserer Sicht der entscheidende erste Schritt.


Der Tinnitus Online-Kongress ist übrigens weiterhin online verfügbar. Zwei der Interviews können kostenfrei angesehen werden. Wer Zugriff auf alle Inhalte und Expertenbeiträge haben möchte, kann den Kongress dauerhaft freischalten. Die komplette Kongressbibliothek mit allen Interviews ist aktuell für eine Gebühr von 69 Euro zugänglich.



Darauf kommt es an

Wenn wir eine zentrale Erkenntnis aus dem Tinnitus Online-Kongress mitnehmen, dann diese:

Tinnitus ist komplex. Aber komplex bedeutet nicht hoffnungslos.

Es gibt nicht die eine Erklärung und nicht die eine Methode für alle. Aber es gibt viele mögliche Ansatzpunkte. Manche liegen im Nervensystem, manche im Bewegungsapparat, manche im Kiefer und manche im Innenohr.

Der Satz „Da kann man nichts machen“ greift deshalb aus unserer Sicht oft zu kurz.


Der Kongress hat uns noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, genauer hinzuschauen. Für unsere eigene Arbeit bedeutet das vor allem: noch differenzierter zu arbeiten und der Anamnese noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Denn oft entscheidet gerade die sorgfältige Analyse am Anfang darüber, welcher Weg später wirklich sinnvoll ist.


Der Tinnitus Online-Kongress war für uns deshalb nicht nur ein Informationsangebot für Betroffene. Er war auch eine wertvolle Gelegenheit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und den eigenen Blick auf dieses komplexe Thema weiter zu schärfen.

Und genau diese Erfahrungen werden wir auch künftig in unsere Arbeit mit Tinnitus-Betroffenen einfließen lassen.


Herzliche Grüße

Boris und Katharina Seedorf

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