Hilft Low Level Lasertherapie bei Tinnitus?
Die kurze Antwort lautet: Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sie helfen kann. Aber die Frage verdient eine ehrlichere Antwort als das, was man üblicherweise liest. Denn wer sich informiert, stößt schnell auf den Satz: "Die Studienlage ist unklar." Was dahintersteckt, ist komplizierter und interessanter als dieser Satz vermuten lässt.
Was passiert im Innenohr bei der Lasertherapie?
Das Innenohr ist ein empfindliches und hochkomplexes System. Die Haarzellen der Cochlea, also der Hörschnecke, sind für die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Signale zuständig. Wenn sie geschädigt sind, durch Lärm, Hörsturz oder andere Ursachen, entstehen Fehlfunktionen im auditiven System. Eine davon ist Tinnitus.
Die hochdosierte Low-Level-Lasertherapie setzt genau hier an. Zellstimulierendes Laserlicht dringt in das Gewebe ein und aktiviert die Mitochondrien der Haarzellen. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle. Durch die Laserbestrahlung wird ihre Aktivität angeregt, die ATP-Produktion erhöht und die Durchblutung im Innenohr verbessert. Das Ziel ist die Unterstützung der Zellregeneration und die Reduktion jener neuronalen Überaktivität, die Tinnitus als dauerhaftes Geräusch entstehen lässt.
Die Behandlung ist schmerzfrei, nicht-invasiv und nach aktuellem Stand gut verträglich. In meiner Praxis in Ahrensburg setze ich sie als eine der drei Säulen der Innenohr-Regenerations-Therapie ein, immer in Kombination mit der Regulation des Nervensystems und dem gezielten Hörtraining.
Was sagen Studien dazu – und warum ist das Bild so uneinheitlich?
Wer die Forschungslage zur Low-Level-Lasertherapie bei Tinnitus genauer anschaut, stößt auf ein interessantes Phänomen. Es gibt Studien mit positiven Ergebnissen und Studien ohne signifikante Wirkung. Und wer nur die Zusammenfassungen liest, bekommt den Eindruck: unklar, nicht ausreichend belegt, weitere Forschung nötig.
Aber wenn man tiefer schaut, wird deutlich warum das so ist. Viele der Studien die keine oder nur schwache Wirkung zeigen, haben mit Lasergeräten gearbeitet die schlicht zu wenig Leistung hatten. Das Laserlicht muss auf dem Weg zur Cochlea Gehörgang, Trommelfell und je nach Applikationsweg weitere anatomische Strukturen durchdringen. Bei jedem dieser Schritte geht Energie verloren. Wenn die eingesetzte Leistung von Anfang an zu gering ist, erreicht das Licht die Zielstruktur gar nicht mit ausreichender Intensität. Die Cochlea wird bestrahlt, aber nicht wirklich erreicht.
Hinzu kommt die Bestrahlungszeit. Mehrere Studien haben mit sehr kurzen Anwendungszeiten gearbeitet, teilweise nur wenige Minuten pro Sitzung. Dabei zeigt die neuere Forschung, dass längere Bestrahlungszeiten deutlich bessere Ergebnisse liefern. Eine brasilianische Studie aus dem Jahr 2023 konnte zeigen, dass die Verlängerung der Bestrahlungszeit von 6 auf 15 Minuten die Behandlungsergebnisse signifikant verbesserte.
Das bedeutet: Wenn eine Studie zu dem Schluss kommt, dass Lasertherapie bei Tinnitus nicht wirkt, sagt das oft mehr über den Versuchsaufbau aus als über die Methode selbst.
Warum macht hochdosiert einen so großen Unterschied?
Das ist die Frage, die in der öffentlichen Diskussion fast nie gestellt wird. Der Begriff "Low-Level-Lasertherapie" suggeriert, dass es um niedrige Energiedosen geht. Das stimmt im Vergleich zu chirurgischen Lasern. Aber innerhalb der therapeutischen Lasertherapie gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen niedrig und hochdosiert.
In Deutschland arbeiten derzeit nur sehr wenige Therapeuten mit hochdosierten Geräten und dem nötigen Erfahrungsschatz in der Anwendung. Die Wirkung hängt nicht allein vom Gerät ab. Entscheidend sind die Wahl der richtigen Wellenlänge, die Bestrahlungszeit, die Positionierung und die Erfahrung des Therapeuten in der Dosierung. Eine zu niedrige Dosis erreicht das Zielgewebe nicht. Eine falsch positionierte Applikation verfehlt die Cochlea. Beides führt zu Ergebnissen, die der Methode nicht gerecht werden.
Ich selbst habe die Wirkung der Lasertherapie am eigenen Ohr erlebt. Nach einem Hörsturz war es die Behandlung mit dem Low-Level-Laser, die maßgeblich zur Erholung meines Gehörs beigetragen hat. Diese persönliche Erfahrung war einer der Gründe, warum ich mich 2019 bei meinem Kollegen Robert Kroll zum Tinnitustherapeuten ausbilden ließ und die Methode seitdem in meiner Praxis einsetze.
Für wen kommt die Behandlung in Frage?
Die Lasertherapie ist nicht für jeden Tinnitus die erste oder einzige Antwort. In unserer Praxis setze ich sie dann ein, wenn es Hinweise darauf gibt, dass das Innenohr direkt betroffen ist, zum Beispiel nach einem Hörsturz, nach Lärmexposition oder bei cochleären Funktionsstörungen.
Sie ist ein Baustein in einem größeren therapeutischen Konzept. Wer erwartet, dass ein paar Lasersitzungen allein einen langjährigen chronischen Tinnitus vollständig beseitigen, wird enttäuscht werden. Wer bereit ist, die Lasertherapie als Teil eines umfassenden Ansatzes zu verstehen, der auch das Nervensystem und die Hörwahrnehmung einbezieht, hat aus meiner Erfahrung die besten Voraussetzungen für eine spürbare Verbesserung.
Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam, ob und in welcher Form die Lasertherapie für Ihre Situation sinnvoll ist. Ich nehme mir die Zeit, Ihre Geschichte zu verstehen, bevor ich eine Einschätzung gebe.
Herzliche Grüße
Boris Seedorf
