Tinnitus schwankt - obwohl kein Stress da war!
Viele meiner Patienten beschreiben dasselbe: Sie haben ihren Tinnitus über Tage hinweg genau beobachtet. Kein Streit, kein Termindruck, keine besondere Belastung. Und trotzdem war er gestern kaum wahrnehmbar und heute wieder deutlich präsenter.
Das ist keine Einbildung. Und es ist auch kein Zeichen dafür, dass sich etwas verschlechtert hat. Es ist eine Eigenschaft des Systems, das den Tinnitus wahrnimmt – Ihres Gehirns.
Das Gehirn bewertet, es misst nicht
Tinnitus-Lautstärke ist keine objektive Größe. Das Gehirn misst keinen Schall, es interpretiert ihn. Und diese Interpretation hängt von vielem ab: von der Umgebung, von der Aufmerksamkeit, vom Zustand des Nervensystems in diesem Moment.
Ein einfaches Bild hilft, das zu verstehen. Stellen Sie sich eine Kerze in einem dunklen Raum vor. Dieselbe Flamme wirkt dort viel heller als in einem beleuchteten Zimmer. Die Kerze hat sich nicht verändert, nur der Kontext. Mit dem Tinnitus funktioniert es genauso. In Stille, abends oder nachts, bekommt er weniger Konkurrenz. Derselbe Ton wirkt plötzlich lauter, weil der Kontrast größer ist.
Aufmerksamkeit verstärkt die Wahrnehmung
Wer den Tinnitus regelmäßig beobachtet, prüft und innerlich bewertet, sendet dem Gehirn ein klares Signal: Das ist wichtig. Und das Gehirn reagiert darauf. Es richtet seine Ressourcen auf das aus, was als bedeutsam eingestuft wird.
Das ist kein Versagen und keine Schwäche. Es ist ein normaler Mechanismus. Aber er erklärt, warum der Tinnitus in ruhigen Momenten oder nach dem Aufwachen oft besonders laut wirkt. Nicht weil er es ist, sondern weil der innere Fokus gerade wenig Ablenkung hat.
Was den Tinnitus leiser oder lauter machen kann – ganz ohne Stress
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die völlig unbemerkt auf die Wahrnehmung einwirken und die viele Patienten zunächst gar nicht auf dem Schirm haben.
Manchmal reicht eine einzige unruhige Nacht, damit der Tinnitus am nächsten Tag deutlich präsenter wirkt. Schlechter Schlaf erhöht die allgemeine Reizbarkeit des Nervensystems, auch ohne dass wir uns gestresst fühlen.
Koffein und Alkohol verändern die Durchblutung und können die Wahrnehmung kurzfristig beeinflussen. Das gilt auch für intensive körperliche Belastung, denn erhöhter Blutfluss kann vorübergehend spürbar werden.
Und dann gibt es noch etwas, das schwerer zu greifen ist. Das Nervensystem läuft manchmal auf einem erhöhten Niveau, ohne dass wir es bewusst bemerken. Konflikte, die noch nicht verarbeitet sind. Dinge, die wir abgehakt haben, die der Körper aber noch trägt. Kein Stress im klassischen Sinn, und trotzdem eine innere Anspannung, die sich auf die Wahrnehmung auswirkt.
Was bedeutet das für Sie?
Schwankungen gehören zum Tinnitus dazu. Sie sind kein Rückschritt und kein Alarmsignal. Was sich verändert, ist meistens nicht der Ton selbst, sondern die Art, wie Ihr Gehirn ihn gerade gewichtet.
Das ist eine wichtige Erkenntnis, weil sie den Blickwinkel verschiebt. Weg von der Frage "Was ist heute wieder schlimmer geworden?" Hin zu der Frage: "Was braucht mein Nervensystem gerade?"
Genau dort setzen wir in der Therapie an. Die Regulation des Nervensystems ist eine der drei Säulen meiner Innenohr-Regenerations-Therapie. Nicht weil Tinnitus nur Psyche ist, sondern weil das Nervensystem der entscheidende Verstärker ist, über den wir direkt und gezielt arbeiten können.
Wenn Sie merken, dass Schwankungen Sie belasten oder verunsichern, ist das ein guter Hinweis, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Herzliche Grüße
Boris Seedorf
