Tinnitus durch die Halswirbelsäule? Warum ich (erstmal) skeptisch bin

Nackenverspannungen sind bei Menschen mit Tinnitus keine Seltenheit. Wenn der Ton beim Drehen des Kopfes, beim Zusammenbeißen der Zähne oder bei Druck auf eine verspannte Stelle lauter wird, scheint die Ursache schnell gefunden: Tinnitus durch die HWS. Ganz so einfach ist es nicht.
Zwei Beschwerden, die gleichzeitig auftreten, müssen nicht dieselbe Ursache haben. Vor allem sagen sie noch nichts darüber aus, welche zuerst da war. Es gibt schließlich viele Menschen mit teilweise starken Nackenverspannungen, die keinen Tinnitus haben. Das widerlegt einen möglichen Zusammenhang nicht, zeigt aber, weshalb die Verspannung allein noch nicht als Ursache gelten kann. Der Nacken kann den Tinnitus bei einzelnen Menschen beeinflussen, und wenn sich der Ton bei Kopfbewegungen wiederholt verändert, sollte dieser Zusammenhang fachkundig untersucht werden. Ebenso ist denkbar, dass ein ständig wahrgenommener Ton, schlechter Schlaf und die damit verbundene innere Anspannung dazu führen, dass Schultern, Kiefer und Nacken kaum noch zur Ruhe kommen.

Bei den Patienten, die ich bisher begleitet habe, habe ich nicht erlebt, dass eine Behandlung des Nackens allein den Tinnitus zum Verschwinden gebracht hätte. Das beweist nicht, dass es unmöglich ist. In meiner Arbeit erkläre ich die Halswirbelsäule deshalb nicht vorschnell zur Hauptursache.
Tinnitus durch HWS: Was die Forschung darüber sagt
In der Fachsprache wird von somatischem oder somatosensorischem Tinnitus gesprochen, wenn Signale aus dem Nacken, dem Kiefer oder anderen Bereichen des Bewegungsapparates die Wahrnehmung des Tinnitus beeinflussen. Ein solcher Zusammenhang ist neurophysiologisch möglich, weil das Hörsystem im Gehirn nicht abgeschottet arbeitet, sondern auch Reize aus anderen sensorischen Systemen verarbeitet.
Was neurophysiologisch denkbar ist, wird im Internet häufig schon als gesichert dargestellt. Die Studienlage ist zurückhaltender. Bousema und Kollegen fassten 2018 die vorhandenen Arbeiten zusammen und fanden für einen Zusammenhang zwischen subjektivem Tinnitus und Beschwerden der Halswirbelsäule nur schwache Evidenz. Beim Kiefer deuteten die Daten eher auf eine wechselseitige Beziehung als auf eine eindeutige Ursachenrichtung hin.
Eine 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit untersuchte die Wirkung von Physiotherapie bei Menschen mit Nackenschmerzen und gleichzeitigem Schwindel oder Tinnitus. Von dreizehn eingeschlossenen Studien hatten zehn ein hohes Risiko für verzerrte Ergebnisse. Für eine Verbesserung des Tinnitus durch Physiotherapie fanden die Autoren nur begrenzte oder keine belastbare Evidenz.
Daneben gibt es kleinere Studien mit positiven Ergebnissen. Diese wurden jedoch mit ausgewählten Patienten durchgeführt, bei denen Hinweise auf eine Beteiligung von Nacken oder Kiefer bereits vorlagen. Daraus lässt sich keine allgemeine Empfehlung für jeden Menschen mit Tinnitus ableiten.
Wenn der Ton beim Drehen des Kopfes lauter wird
Viele Betroffene prüfen ihren Tinnitus, indem sie den Kopf drehen, den Kiefer fest anspannen oder auf bestimmte Muskeln drücken. Verändert sich dabei die Tonhöhe oder Lautstärke, gilt das häufig als Beweis für eine körperliche Ursache.
Auch dieses Kriterium ist weniger eindeutig, als es zunächst wirkt. Sarah Michiels und ihre Kollegen werteten die Angaben von 8.221 Menschen mit Tinnitus aus. Die Veränderbarkeit des Tons durch Bewegung oder Muskelanspannung kam auch in der Gruppe vor, bei der kein somatischer Einfluss angenommen wurde.
Aussagekräftiger waren andere Beobachtungen: Nacken- oder Kieferschmerz und Tinnitus begannen zur gleichen Zeit, beide wurden gemeinsam stärker oder schwächer, oder bestimmte Körperhaltungen veränderten den Ton wiederholt in derselben Weise. Das sind gute Gründe, den Zusammenhang von einem erfahrenen Osteopathen, Chiropraktor oder einem auf diesen Bereich spezialisierten Physiotherapeuten untersuchen zu lassen. Für eine Diagnose reichen einige Kopfbewegungen vor dem Badezimmerspiegel nicht aus.
Vielleicht kam zuerst der Tinnitus
Ein belastender Tinnitus versetzt den Körper nicht selten in eine dauernde Alarmbereitschaft. Man schläft flacher, beobachtet den Ton häufiger und merkt beim Aufwachen, dass die Zähne fest aufeinanderliegen. Die Schultern wandern nach oben, der Nacken wird hart, und irgendwann entsteht der Eindruck, dort müsse die Ursache des ganzen Problems liegen.
Nach meiner Erfahrung wird diese umgekehrte Richtung zu wenig berücksichtigt. Die Nackenverspannung kann eine Reaktion auf die Belastung sein, die der Tinnitus verursacht. Bei manchen Menschen verstärkt sie anschließend möglicherweise den bereits vorhandenen Ton. Dann ist ein Kreislauf entstanden, dessen Anfang sich im Nachhinein kaum noch sicher bestimmen lässt. Mehr darüber, wie wir bei einer solchen dauernden Alarmbereitschaft mit der Regulation des Nervensystems arbeiten, beschreiben wir auf dieser Seite.
Auch die Forschung kann diese Reihenfolge bisher nicht eindeutig klären. Eine Untersuchung mit 1.238 Menschen mit chronischem Tinnitus zeigte enge Beziehungen zwischen Tinnitusbelastung, Schmerzempfinden, wahrgenommenem Stress, Depression und Angst. Die Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben. Sie zeigen deshalb Zusammenhänge, aber keine Kausalrichtung. Die Behauptung, der Nacken habe den Tinnitus ausgelöst, wäre auf dieser Grundlage ebenso voreilig wie die Behauptung, es sei immer umgekehrt.
Eine Nackenbehandlung kann trotzdem sinnvoll sein
Wer Schmerzen hat, den Kopf nur eingeschränkt bewegen kann oder unter einer deutlich verspannten Muskulatur leidet, hat einen guten Grund, den Nacken untersuchen und gegebenenfalls behandeln zu lassen. Ein erfahrener Osteopath, Chiropraktor oder ein auf diesen Bereich spezialisierter Physiotherapeut kann prüfen, ob eine funktionelle Auffälligkeit besteht. Bei Beschwerden des Kiefergelenks oder der Kaumuskulatur kann zusätzlich eine entsprechend qualifizierte zahnärztliche oder therapeutische Abklärung sinnvoll sein.
Die Erwartung sollte allerdings zum Befund passen. Eine Nackenbehandlung kann Schmerzen lindern, die Beweglichkeit verbessern und damit auch das gesamte Stressniveau senken. Ob sich dadurch der Tinnitus verändert, ist nicht vorhersagbar. Bleibt der Ton unverändert, bedeutet das nicht, dass die Behandlung des Nackens nutzlos war. Es zeigt lediglich, dass der Nacken wahrscheinlich nicht der entscheidende Ansatzpunkt für den Tinnitus ist.
Wie wir den körperlichen Anteil in unserer Praxis einordnen
In unserer Praxis beginnt die Untersuchung nicht mit der Annahme, dass ein "schiefer Kopf" oder eine verspannte Schulter den Tinnitus verursacht. Wir schauen zuerst auf den Beginn und den Verlauf, auf das Gehör, die Hörverarbeitung und darauf, wie stark das Nervensystem inzwischen auf den Ton reagiert. Je nach Fragestellung kommen das Richtungshören und die räumliche Ortung hinzu.
Im Hörtraining beziehen wir die Kopf- und Schulterachse sowie die Körperstatik mit sanften Verfahren ein. Das ist jedoch keine umfassende physiotherapeutische, osteopathische oder chiropraktorische Behandlung. Wenn der Bewegungsapparat deutlich auffällig oder schmerzhaft ist oder sich der Tinnitus unter Kopfbewegungen zuverlässig verändert, sollte ein entsprechend erfahrener Kollege hinzugezogen werden.
Diese Trennung ist mir wichtig, weil bei Tinnitus leicht die nächste vermeintliche Hauptursache gesucht wird. Erst ist es der Atlas, dann der Kiefer, danach vielleicht ein bestimmter Muskel. Eine solche Suche kann jahrelang beschäftigen, ohne dass sich der Ton verändert.
Beobachten, ohne ständig zu testen
Wenn Sie wissen möchten, ob Nacken oder Kiefer Ihren Tinnitus beeinflussen, müssen Sie den Ton nicht mehrmals am Tag durch kräftiges Drehen, Drücken oder Anspannen prüfen. Beobachten Sie über einige Tage, ob sich bei normalen Bewegungen ein wiederkehrendes Muster zeigt. Interessant sind vor allem folgende Fragen:
Begannen Nacken- oder Kieferschmerzen und Tinnitus ungefähr zur selben Zeit?
Werden Schmerz und Tinnitus gemeinsam stärker oder schwächer?
Verändert eine bestimmte, normale Körperhaltung den Ton wiederholt in derselben Weise?
Was geschieht nach einer schlechten Nacht oder an einem besonders angespannten Tag?
Diese Beobachtungen können bei der weiteren Einordnung helfen. Sie ersetzen keine Untersuchung, sind aber meist aufschlussreicher als ein einmaliges Knacken im Nacken oder eine zufällige Veränderung des Tons beim Zähnepressen. Letzteres ist häufig physiologisch, also völlig "normal".
Wenn die Behandlung des Nackens nichts verändert hat
Viele Menschen haben bereits Massagen, Physiotherapie, Osteopathie oder eine Behandlung des Kiefers ausprobiert und fragen sich anschließend, warum der Tinnitus trotzdem geblieben ist. Die naheliegende Antwort lautet häufig, man habe nur noch nicht die richtige Blockade oder den richtigen Therapeuten gefunden. Das muss nicht stimmen.
Möglicherweise war der Nacken nie die Ursache. Vielleicht war er von Anfang an nur ein Teil der körperlichen Anspannung, die sich rund um einen belastenden Tinnitus aufgebaut hat. Dann gehören neben dem Bewegungsapparat auch das Gehör, insbesondere das Innenohr, die Hörverarbeitung, die Vorgeschichte und die Reaktion des Nervensystems wieder in die Betrachtung.
Mit dem kostenlosen Tinnitus-Check können Sie prüfen, welche Ebenen bei Ihnen beteiligt sein könnten. Wenn Schwierigkeiten beim Richtungshören oder eine Hör-Dysbalance infrage kommen, finden Sie auf unserer Seite zur Hörregeneration weitere Informationen zu unserer Arbeit.
Quellen
Die im Artikel genannten Studien sind über PubMed / PubMed Central öffentlich zugänglich:
Bousema et al. 2018 (Association Between Subjective Tinnitus and Cervical Spine or Temporomandibular Disorders, systematische Übersichtsarbeit) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30269683
Michiels et al. 2022 (Somatosensory Tinnitus Diagnosis, Auswertung diagnostischer Kriterien bei 8.221 Teilnehmenden) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34261856
Canlı et al. 2026 (The Effects of Physiotherapy on Neck Pain With Associated Symptoms Including Cervicogenic Dizziness and Tinnitus, systematische Übersichtsarbeit) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41796312
Boecking et al. 2020 (Tinnitus-related Distress and Pain Perceptions in Patients With Chronic Tinnitus, Querschnittsuntersuchung mit 1.238 Teilnehmenden) – pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7316290
Delgado de la Serna et al. 2020 (Cervico-mandibuläre manuelle Therapie bei Menschen mit Kieferbeschwerden und somatischem Tinnitus, randomisierte klinische Studie) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31665507




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