Tinnitus und EMDR: Wie wir in unserer Praxis arbeiten
- Boris Seedorf

- 23. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Viele Menschen mit Tinnitus haben schon einiges ausprobiert, bevor sie zu uns kommen. Tabletten, Entspannungsübungen, vielleicht Akupunktur oder auch Osteopathie und so manches Mal den Rat, sich einfach nicht so sehr darauf zu konzentrieren. Manchmal hilft das ein Stück weit. Oft bleibt trotzdem das Gefühl: Da ist noch etwas, das nicht angesprochen wurde.
EMDR ist einer der Wege, mit denen wir dort ansetzen. Meine Frau Katharina Seedorf ist EMDR-Fachtherapeutin für Tinnitus und setzt diese Methode gezielt bei Tinnitus-Patienten ein, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. In diesem Artikel erklären wir, was EMDR eigentlich ist, welche zwei unterschiedlichen Wege es innerhalb der Methode gibt, was die Forschung dazu zeigt, und was sie nicht zeigt.
Was ist EMDR, kurz erklärt
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Die Methode wurde ursprünglich für die Behandlung von Traumafolgestörungen entwickelt. Die Grundidee: Belastende Erlebnisse werden manchmal nicht vollständig verarbeitet und bleiben dadurch emotional aufgeladen. Bei EMDR wird ein belastender Inhalt gezielt aktiviert, während gleichzeitig eine bilaterale Stimulation stattfindet, meist durch geführte Augenbewegungen. Das soll die Verarbeitung unterstützen und die subjektiv empfundene Belastung kann dadurch abnehmen.
EMDR lässt sich nicht nur auf vergangene Erlebnisse anwenden, sondern auch auf aktuelle körperliche Empfindungen. Das macht die Methode für Tinnitus interessant.
Bevor wir mit EMDR arbeiten, gehört für uns immer die Frage dazu, ob eine ärztliche Abklärung nötig ist. Ist der Tinnitus neu aufgetreten, einseitig, mit Hörverlust, Schwindel oder anderen ungewöhnlichen Beschwerden verbunden, gehört das zuerst in (fach-)ärztliche Hände. EMDR ersetzt keine HNO-Diagnostik, sondern ist ein aus unserer Erfahrung effektives Werkzeug in der Tinnitusbehandlung nach Abklärung der Ursachen.
EMDR bei Tinnitus: zwei Wege zum selben Ziel
In der Fachliteratur haben sich zwei unterschiedliche Herangehensweisen herausgebildet. Zu beiden liegen erste kleinere Untersuchungen vor. Ziel ist es, entweder die Belastung durch den Tinnitus zu verringern und/oder die Lautstärke der Ohrgeräusche an sich.
Weg 1: Direkt mit dem Ton arbeiten
Bei diesem Ansatz wird nicht die Vergangenheit "bearbeitet", sondern das aktuelle Tinnitus-Geräusch selbst. Der Patient richtet die Aufmerksamkeit bewusst auf das, was er gerade hört und fühlt, während die bilaterale Stimulation läuft. Ziel ist, die emotionale Ladung zu senken, die sich um den Ton herum aufgebaut hat, das ständige Alarmiertsein, die Anspannung, das Gefühl, dagegen ankämpfen zu müssen.
Einer der ersten, der diesen Weg systematisch beschrieben hat, ist der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Fikret Zengin. Er behandelte zwischen 2002 und 2005 in seiner damaligen Praxis 17 Patienten mit Hörsturz und Tinnitus mit EMDR, direkt am aktuellen Symptom orientiert. Bei 82,4 Prozent der ausgewerteten Patienten war der Tinnitus nach rund fünf Stunden Behandlung nicht mehr wahrnehmbar. Diese Fallserie hat keine Kontrollgruppe, die Patientenzahl ist klein, und es waren Patienten mit Hörsturz und Tinnitus zusammen, nicht ausschließlich chronischer Tinnitus. Eine gesicherte Wirksamkeit lässt sich daraus nicht ableiten, aber sie war früh ein wichtiger Anstoß für die weitere Forschung. Zengin praktiziert heute in Zürich.
Später wurde dieser symptomorientierte Zugang unter dem Namen tEMDR (tinnitus-EMDR) in einer klinischen Studie in Großbritannien systematisch untersucht. 14 Teilnehmer erhielten bis zu zehn Sitzungen, bei denen direkt mit dem aktuellen Tinnitus-Empfinden gearbeitet wurde. Nach der Behandlung wurden niedrigere Belastungswerte gemessen, auch sechs Monate später noch. Auch diese Studie war klein und ohne Kontrollgruppe, die Autoren selbst fordern größere, kontrollierte Untersuchungen, bevor sich daraus sichere Schlüsse ziehen lassen.
Weg 2: Mit belastenden, tinnitusbezogenen Erinnerungen arbeiten
Der zweite Weg setzt woanders an. Hier wird nicht das aktuelle Geräusch bearbeitet, sondern die Ereignisse, die möglicherweise damit verknüpft sind: der Unfall, der laute Knall, eine besonders belastende Lebensphase, in der der Tinnitus begonnen hat. Die Idee dahinter: Wenn diese Erlebnisse noch emotional unverarbeitet sind, kann das Nervensystem in einem Zustand von Alarm bleiben, der den Tinnitus mit aufrechterhält.
Eine niederländische Pilotstudie mit 35 Patienten aus fünf Kliniken hat diesen Ansatz untersucht. Über sechs Sitzungen wurde gezielt mit belastenden, tinnitus-bezogenen Erinnerungen gearbeitet. Die Tinnitus-Belastung sank deutlich. Interessant dabei: Diese Besserung ließ sich nicht dadurch erklären, dass die gemessenen posttraumatischen Stresssymptome zurückgingen. Woran das genau liegt, ist offen, aber es deutet darauf hin, dass hier mehr passiert als eine allgemeine Traumaverarbeitung.
Was die Studienlage insgesamt zeigt, und was sie nicht zeigt
Die größte kontrollierte Studie zu EMDR bei Tinnitus verglich EMDR direkt mit Verhaltenstherapie bei 89 Patienten, beide Gruppen erhielten zusätzlich Tinnitus-Retraining-Therapie. EMDR wurde also nie isoliert getestet, sondern immer in Kombination. In dieser Studie verbesserten sich beide Gruppen bei der Tinnitus-Belastung. Ein statistisch gesicherter Vorteil von EMDR gegenüber Verhaltenstherapie wurde nicht gefunden. Bei der wahrgenommenen Lautstärke zeigte in dieser einen Studie sogar die Verhaltenstherapie-Gruppe die stärkere Verbesserung.
Das passt zu dem, was die Verhaltenstherapie-Forschung insgesamt zeigt: Eine große Cochrane-Übersicht mit 28 Studien und über 2.700 Teilnehmern kommt zu dem Schluss, dass Verhaltenstherapie bei Tinnitus vor allem auf die Lebensqualität und die Belastung durch den Ton zielt, nicht auf das Geräusch selbst. Insgesamt hat Verhaltenstherapie für Tinnitus die deutlich breitere Evidenzbasis als EMDR, das gehört zur ehrlichen Einordnung dazu.
Was heißt das für EMDR? Es gibt keine große, kontrollierte Studie, die beweist, dass EMDR den Tinnitus zuverlässig leiser macht. Es gibt mehrere kleinere Untersuchungen, in denen nach EMDR geringere Belastungswerte beobachtet wurden, bei manchen Patienten auch beim Geräusch selbst. Ob und wie stark EMDR diese Veränderungen tatsächlich verursacht, ist bislang nicht abschließend geklärt. Eine Garantie geben wir Ihnen nicht. Was wir Ihnen anbieten können, ist ein Verfahren mit zwei unterschiedlichen Zugängen, die sich an Ihre persönliche Situation anpassen lassen, eingebettet in eine gründliche Anamnese.

Tinnitus und EMDR bei uns: wie wir entscheiden, welcher Weg passt
In der Praxis schauen wir uns beide Wege an, bevor wir gemeinsam mit Ihnen entscheiden, welcher passt. Gibt es einen klar erinnerbaren Auslöser, einen Unfall, ein Knalltrauma, eine besonders belastende Zeit, in der der Tinnitus entstanden ist? Dann kann die Arbeit mit den belastenden Erinnerungen näherliegen. Ist der Tinnitus eher schleichend entstanden, ohne klaren Auslöser, aber mit viel Anspannung und Kampf gegen den Ton im Alltag? Dann beginnen wir häufiger direkt mit dem aktuellen Empfinden. Für diese Auswahl gibt es keine wissenschaftlich geprüften Vorhersagekriterien, wir orientieren uns an Ihrer Anamnese und daran, was sich im Gespräch stimmig anfühlt.
Diese Entscheidungen treffen wir zusammen im Gespräch mit Ihnen. Manchmal zeigt sich erst während der Behandlung, welcher Weg der richtige ist.
Ergänzend arbeiten wir je nach Fall mit Low-Level-Lasertherapie, die auf zellulärer Ebene ansetzt, und mit Hörtraining, wenn die Ortung oder Verarbeitung von Geräuschen betroffen ist.
Geht das auch online?
Ja. Wir bieten EMDR-Sitzungen auch per Videositzung an. Das ist eine echte Alternative, wenn die Anfahrt zu weit ist oder der Alltag es einfach nicht anders zulässt. Wichtig ist uns dabei: Am Anfang steht immer eine ausführliche Anamnese, um zu klären, ob EMDR für Sie der richtige Weg ist. Auch dieses Erstgespräch können wir online führen.
Zur Wirksamkeit von EMDR per Video gibt es inzwischen eine wachsende Zahl an Untersuchungen, allerdings bislang vor allem zu Angst, Depression und posttraumatischer Belastung, nicht spezifisch zu Tinnitus. Eine aktuelle Übersichtsarbeit mit 16 Studien und über 1.200 Teilnehmern kommt zu vielversprechenden Ergebnissen für die Online-Durchführung von EMDR. Erwähnenswert ist auch: Die eingeschlossenen Studien waren oft klein, viele ohne Kontrollgruppe, und ein belastbarer, eigens dafür angelegter Vergleich zwischen Video- und Präsenzbehandlung fehlt bislang. Unsere eigenen Erfahrungen mit Online-Sitzungen sind bislang sehr gut und die Methode lässt sich gut auf die persönliche Situation anpassen.
Wenn Sie den Eindruck haben, dass EMDR für Ihre Situation hilfreich sein könnte, sprechen Sie uns gerne an oder schreiben Sie uns.
Herzliche Grüße
Boris Seedorf
Quellen
Die im Artikel genannten Studien sind über PubMed und PubMed Central öffentlich zugänglich, die Arbeit von Zengin über die EMDRIA-Fachgesellschaft:
Luyten et al. 2020 (RCT, 89 Patienten: EMDR+TRT vs. CBT+TRT bei chronischem Tinnitus, gleichauf bei Belastung) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33013517
Fuller et al. 2020 (Cochrane-Übersicht, 28 RCTs, 2.733 Teilnehmer: Verhaltenstherapie bei Tinnitus zielt auf Lebensqualität, nicht Lautstärke) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31912887
Zengin 2006 (unkontrollierte Fallserie, 17 Patienten: EMDR bei Hörsturz und Tinnitus, EMDRIA Deutschland Rundbrief, Band 7, S. 45-53)
Phillips et al. 2019 (unkontrollierte Studie, 14 Teilnehmer: tEMDR-Protokoll bei Tinnitus, The Laryngoscope) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30693546
Rikkert et al. 2018 (Pilotstudie, 35 Patienten, 5 Kliniken: traumaorientiertes EMDR bei Tinnitus, European Journal of Psychotraumatology, DOI 10.1080/20008198.2018.1512248)
Kaptan et al. 2024 (systematische Übersicht, 16 Studien, 1.231 Teilnehmer: EMDR per Video, vielversprechend, mit Einschränkungen) – pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38250261




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