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Knalltrauma: Ein Schlag mit einer zusammengerollten Zeitung

Autorenbild: Boris Seedorf
Boris Seedorf
10. Okt.
4 Min. Lesezeit

Mit sechzehn bekam ich bei einer Rangelei einen Schlag mit einer zusammengerollten Zeitung auf das linke Ohr. Der Schlag war nicht besonders hart, dennoch setzte sofort ein hoher Ton ein, der nicht wieder aufhörte.

Der Ohrenarzt behandelte mich damals mit blutverdünnenden Infusionen, in den 1990er Jahren eine Standardtherapie. Es dauerte Monate, bis der Ton leiser wurde und schließlich unter meine Wahrnehmungsschwelle rutschte, zurück blieb lediglich eine leichte Empfindlichkeit auf dem Ohr.

Für ein Knalltrauma benötigt es also weder einen Böller noch eine Explosion. Gemeint ist eine Überlastung des Innenohrs durch einen kurzen, starken Druckstoß, und den kann ein Schuss, ein Böller oder eben ein Schlag direkt auf das Ohr auslösen.

Zusammengerollte Zeitung auf einem Holztisch, KI-Symbolbild
Für ein Knalltrauma braucht es keinen Böller. (KI-Symbolbild)

Knalltrauma: Symptome und wann zum Arzt

Typisch ist ein hoher Ton oder ein Rauschen, das unmittelbar nach dem Knall oder dem Schlag einsetzt, oft zusammen mit einem dumpfen Hören auf dem betroffenen Ohr, das sich manchmal auch wie verstopft anfühlt. Ein solches Ohrgeräusch kann innerhalb von Stunden oder Tagen wieder abklingen, es kann aber auch bleiben.

Lassen Sie ein Ohrgeräusch nach einem Knall zeitnah bei einem HNO-Arzt abklären. Hören Sie plötzlich schlechter, sollte das noch am selben Tag geschehen, bei Schmerzen, Blut aus dem Ohr oder starkem Schwindel sofort. Ein Schlag auf das Ohr kann außerdem das Trommelfell oder das Mittelohr verletzen, was der HNO-Arzt in der Regel zuverlässig abklären kann. Liegt eine Hörminderung vor, kann er eine Behandlung mit Cortison erwägen.

Verzichten Sie in dieser Zeit auf Kopfhörer und meiden Sie laute Umgebungen, denn das Ohr braucht jetzt konsequent Ruhe.

Was in der Hörzelle passiert

Jede Hörzelle in Ihrem Innenohr benötigt Energie, um zu arbeiten. Diese Energie liefert ein winziges Zellorganell, das sogenannte Mitochondrium, vereinfacht gesagt das Kraftwerk der Zelle, eine Art Akku.

Bei einem Knalltrauma wird dieses Kraftwerk akut überlastet. Die Zelle bekommt nicht mehr genug Energie, um zwischen Erregung und Ruhe zu wechseln, wie sie es beim normalen Hören ständig tut, und bleibt dauererregt. Diese Dauererregung ist das, was Sie als Tinnitus-Ton wahrnehmen.

Überlastet bedeutet nicht abgestorben

Eine abgestorbene Hörzelle wächst beim Menschen nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht nach. Eine Zelle, deren Akku leer ist, ist aber nicht abgestorben, sie arbeitet nur nicht mehr so, wie sie es soll.

Ob im Einzelfall das eine oder das andere vorliegt, lässt sich von außen nicht feststellen. Das Innenohr liegt eingeschlossen im Felsenbein, dem härtesten Knochen des Körpers, eine Gewebeprobe würde das Ohr zerstören, und ein bildgebendes Verfahren, das einzelne Hörzellen sichtbar macht, gibt es nicht.

Beim Hörtest wird gemessen, welche Töne ankommen und welche nicht. Das zeigt, in welchen Tonhöhen das Hören eingeschränkt ist, aber nicht, warum.

In meiner Praxis in Ahrensburg höre ich trotzdem immer wieder von Patienten, denen gesagt wurde, ihre Hörzellen seien zerstört und daran sei nichts mehr zu ändern. Aus dem Hörtest allein lässt sich das nicht ablesen.

Behandlung nach einem Knalltrauma

Die Akutbehandlung gehört in die Hand eines HNO-Arztes. Bei einem frischen Knalltrauma arbeite ich zusätzlich mit der hochdosierten Low-Level-Lasertherapie. Das Laserlicht wird von den Mitochondrien aufgenommen und zur Energiegewinnung genutzt, und damit soll die Zelle wieder an die Energie kommen, die ihr nach der Überlastung fehlt.

Wie viel sich dadurch im Einzelfall verändert, ist nicht zuverlässig vorhersagbar. Die klinischen Studien zur Lasertherapie bei Tinnitus sind uneinheitlich, und viel hängt von der Dosierung ab. Was die Forschung bisher zeigt, habe ich in einem eigenen Artikel zusammengetragen.

Bei lärmbedingten Beschwerden halte ich außerdem Magnesium für sinnvoll. Welche Nahrungsergänzungsmittel bei Tinnitus etwas bringen und welche nicht, habe ich ausführlich in einem eigenen Beitrag beschrieben.

Dauer und mögliche Folgen eines Knalltraumas

Wie lange ein Knalltrauma nachwirkt, lässt sich nicht vorhersagen. Bei manchen ist der Ton nach wenigen Stunden verschwunden, bei anderen bleibt er, manchmal zusammen mit einer Hörminderung oder einer Empfindlichkeit gegenüber lauten Geräuschen.

Bleibt der Ton, spielt nicht mehr nur das Ohr eine Rolle. Ein Erklärungsmodell geht davon aus, dass die Hörbahn ihre Verstärkung erhöht, wenn aus dem Ohr weniger Signale ankommen, und dass der Ton dadurch stärker in den Vordergrund rückt. Daran lässt sich mit einem gezielten Hörtraining arbeiten.

Manche Menschen zucken noch Monate später bei bestimmten Geräuschen zusammen und schlafen schlecht, besonders wenn bei dem Knall oder dem Schlag Gewalt im Spiel war. Solange das Nervensystem in Alarmbereitschaft bleibt, fällt es schwer, den Ton in den Hintergrund treten zu lassen. Meine Frau Katharina arbeitet in unserer Praxis mit EMDR, einem Verfahren aus der Traumatherapie, um solche Schreckreaktionen behutsam zu bearbeiten.

Warum ich von Gehörschutz überzeugt bin

Zwanzig Jahre nach dem Schlag mit der Zeitung saß ich abends an meinem Schreibtisch, als mein linkes Ohr plötzlich zuging und ich kaum noch etwas damit hören konnte. Es war ein Hörsturz auf demselben Ohr, und auch der Ton war wieder da.

Ein Kollege riet mir damals zu konsequentem Gehörschutz mit Ohropax und zu Ruhe, vor allem vor lauten Geräuschen. Später kamen Sitzungen mit der professionellen hochdosierten Low-Level-Lasertherapie dazu. Nach und nach öffnete sich das Ohr wieder, und der Ton beruhigte sich deutlich. Diese Erfahrung war der Grund, warum ich mich später zum Tinnitustherapeuten ausbilden ließ.

Nach einer Lärmschädigung kann eine Empfindlichkeit zurückbleiben. Einfache Ohrstöpsel kosten nur wenige Euro, und heute gibt es viele Möglichkeiten für günstigen, wirksamen und vor allem alltagstauglichen Gehörschutz, zu denen ich Sie bei Bedarf gern berate. Für Musiker oder Handwerker lohnen sich angepasste Gehörschützer mit speziellen Filtern.

An Silvester ist grundsätzlich Abstand zu Böllern sinnvoll, insbesondere bei Kindern. Und wenn die Ohren nach einem lauten Abend pfeifen, brauchen sie vor allem Stille, um sich zu erholen.

Wenn Sie gerade betroffen sind

Lassen Sie Ihr Gehör messen und besprechen Sie mit Ihrem HNO-Arzt, welche Akutbehandlung sinnvoll ist. Bleibt danach ein Ton, lohnt es sich, nach weiteren Behandlungsmöglichkeiten zu fragen. Sprechen Sie uns dazu gern an.

Welche fünf Arten von Tinnitus ich in meiner Praxis unterscheide und auf welchen drei Säulen unsere Behandlung steht, habe ich im Tinnitus-Kompass zusammengefasst.

Ihr Boris Seedorf

 
 
 

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