Tinnitus bei Erkältung: wenn der Ton nach dem Infekt lauter bleibt

Jedes Jahr im Herbst kommen Menschen in unsere Praxis, die schon lange mit ihrem Tinnitus leben, manche seit vielen Jahren, und eigentlich ganz gut damit zurechtkommen. Dann kam ein Infekt, manchmal nur ein leichter Schnupfen, und mit ihm wurde der Ton im Ohr lauter. Das allein wäre noch nicht ungewöhnlich, doch bei manchen bleibt der Ton auch dann lauter, wenn der Schnupfen längst vorbei ist.
Dass eine Erkältung auf das Ohr schlägt, hat meist mit der sogenannten Ohrtrompete zu tun, dem schmalen Gang zwischen Nasenrachen und Mittelohr, der bei einem Infekt anschwillt und sich oft langsamer erholt als die Nase. Bleibt der Ton auch dann lauter, wenn das Mittelohr längst wieder belüftet ist, sehe ich ein gestresstes Ohrsystem, in dem das Gewebe noch nicht zur Ruhe gekommen ist, und dort setze ich mit der Behandlung an.

Ohrtrompete und Mittelohr im Infekt
Das Mittelohr ist ein kleiner, luftgefüllter Raum hinter dem Trommelfell, der über die Ohrtrompete mit dem Nasenrachen verbunden ist. Jedes Mal, wenn Sie schlucken oder gähnen, öffnet sich dieser Gang kurz und gleicht den Druck zwischen Mittelohr und Umgebung aus, was Sie vielleicht vom Fliegen oder von einer Fahrt in die Berge kennen, wenn es im Ohr knackt.
Bei einer Erkältung schwillt die Schleimhaut in Nase und Rachen an und mit ihr die Schleimhaut der Ohrtrompete, sodass der Druckausgleich nicht mehr richtig funktioniert, im Mittelohr Luft eingeschlossen bleibt und sich das Ohr dumpf oder verstopft anfühlt. Weil Geräusche von außen schlechter durchkommen, tritt der eigene Ton stärker hervor: Der Tinnitus klingt lauter, ist es aber nicht unbedingt.
Bei starken Ohrenschmerzen, bei einem Infekt, der sich zunehmend verschlimmert, oder wenn Sie plötzlich deutlich schlechter hören, gehört das Ohr natürlich erst einmal in die Hand eines HNO-Arztes zur Erstabklärung.
Erschöpfung und unruhige Nächte
Ein Infekt beansprucht den ganzen Körper. Man ist müde, schläft unruhig, wacht nachts mit verstopfter Nase auf, und gerade in der Stille der Nacht ist der Ton am deutlichsten zu hören. Erschöpfung und schlechter Schlaf machen einen Tinnitus präsenter, das zeigt auch eine chinesische Untersuchung mit 602 Menschen mit chronischem Tinnitus: Bei denjenigen, deren Ton sich verschlechtert hatte, spielten Stress, Erschöpfung und Schlafstörungen die größte Rolle, und auch Infekte der oberen Atemwege waren in dieser Gruppe deutlich häufiger.
Tinnitus nach der Erkältung
Wichtig zu wissen: Häufig erholt sich die Ohrtrompete langsamer als die Nase. Der Schnupfen ist vorbei, doch der Gang zum Mittelohr ist noch geschwollen, und Ohrenärzte sprechen bis zu drei Monate lang von einer akuten Störung. Manchmal hat sich im Mittelohr auch Flüssigkeit gesammelt, ein sogenannter Paukenerguss, der ebenfalls Wochen brauchen kann, bis er sich zurückbildet.
Bleibt der Ton lauter, obwohl das Mittelohr wieder frei belüftet ist, steckt aus meiner Sicht ein gestresstes Ohrsystem dahinter. Der Infekt hat das Gewebe über Wochen beansprucht, möglicherweise bestehen noch Schwellungen, die man von außen nicht sieht, und das Ohr ist noch nicht wieder zur Ruhe gekommen.
Schonung in der Erkältungszeit
Solange die Erkältung anhält und sich das Ohr dumpf anfühlt, braucht es vor allem Ruhe. Verzichten Sie in dieser Zeit auf Musik über Kopfhörer, meiden Sie laute Umgebungen und vermeiden Sie alles, was das Ohr zusätzlich beansprucht.
Wenn Sie die Nase schnäuzen, machen Sie dies bitte sanft, denn kräftiges Schnäuzen mit beiden Nasenlöchern baut Druck auf, der über die Ohrtrompete bis ins Mittelohr gelangen kann.
Vorsicht auch bei Schmerzmitteln: Aspirin in hoher Dosierung und auch Ibuprofen können einen Tinnitus verstärken. Welche Medikamente das Ohr belasten können, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben.
Lasertherapie und Naturheilkunde in meiner Praxis
Wenn der Ton nach einer Erkältung längerfristig lauter bleibt, arbeite ich häufig mit der hochdosierten Low-Level-Lasertherapie, die im Gewebe abschwellend und regenerativ wirken kann. Die abschwellende Wirkung ist in mehreren Studien gut untersucht, besonders gründlich nach Weisheitszahn-Operationen, und sie hängt von einer ausreichend hohen Dosis und einer fachgerechten Anwendung ab.
Zusätzlich setze ich naturheilkundliche Mittel ein, die die Schleimhautschwellung im Kopfbereich reduzieren.
In einem Fall aus meiner Praxis war der Tinnitus nach einem zweiwöchigen Infekt deutlich stärker geworden und blieb es auch dann noch, als der Infekt schon vier Wochen zurücklag. Nach fünf Sitzungen Lasertherapie auf beiden Ohren hatte sich der Ton deutlich abgeschwächt, auch wenn nicht vorhersagbar ist, wie stark sich ein Ton im Einzelfall verändert.
Grundsätzlich gilt: Ein Tinnitus, der im Zuge einer Erkältung lauter geworden ist, beruhigt sich nach dem Abklingen der Erkältung normalerweise von allein wieder. Geben Sie Ihrem Ohr in dieser Zeit Ruhe, und wenn der Ton nach einigen Wochen nicht leiser wird, lohnt es sich, nach weiteren Behandlungsmöglichkeiten zu fragen. Sprechen Sie uns dazu gern an.
Welche fünf Arten von Tinnitus ich in meiner Praxis unterscheide und auf welchen drei Säulen unsere Behandlung steht, habe ich im Tinnitus-Kompass zusammengefasst.
Ihr Boris Seedorf




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